Montag, 12. September 2005

Nur ein Oh!


Was bin ich froh, dass ich zuhause kein Radio höre.


In meinem Urlaub auf Föhr musste ich den aktuellen Nummer-1-Hit "Nur ein Wort" von "Wir sind Helden" mindestens an die zwanzig mal pro Tag hören.
Wer sich so glücklich schätzen kann und das Lied noch nie gehört hat, der kann das ungefähr dann nachfühlen, wenn er sich den Windows-Startsound (egal welche Windows-Version) so etwa einen Tag lang in einer Endlosschleife anhört.
Das schlimme an diesem "Lied" ist nämlich der Refrain, der die immer gleiche Textzeile zur immer gleichen Melodie (die das "Lied" auch sonst beherrscht) wiederholt wird.

Damit alle wissen, um was es in dem Lied geht, hier eine kleine Zusammenfassung der Handlung:
Die Sängerin scheint sich in irgendeinen Typen verschossen zu haben und labert diesen (nach eigenen Angaben) zu und wundert sich darüber, dass er nichts sagt. Das erfährt man natürlich nur, wenn man so mutig war, wie ich und den eigentlichen Sinn der Strophen zu verstehen versucht.
Das Lied fängt auch gleich mit sehr sinnvollen Zeilen an:

Ich sehe, was du denkst,
Ich denke, was du fühlst,...

Der Witz daran ist, dass die Sängerin den Text ausspricht, als wäre sie auf einer "Alles muss raus!"-Party eines Wodka-Fabrikanten gewesen:

Ich sehe, wassu dengsd,
ich denge, wassu fülsd,...

Nach diesem hochprozentigen Intro erzählt sie auch gleich von ihren Versuchen, ihren Traummann zu bezirzen:

Ich hab mir ein Wörterbuch gelieh'n,
dir A-Z in's Ohr geschrien

Ähm - und dann fragt die sich noch, warum er nicht mit ihr redet?
Stellt euch mal vor ein Wesen des anderen Geschlechts stellt sich mit einem Wörterbuch vor euch und schreit euch ein paar sinnlos zusammengewürfelte Wörter an den Kopf - Okay, in Norddeutschland gibt es eine Werbung für Müsliriegel, die auf diesem Prinzip basiert, aber das ist eine andere Geschichte - würdet ihr sie/ihn dann noch sehen wollen???
Vor allem, wenn er/sie dann behauptet:

Ich hör' dich nich,
Ich hör' nur mich!

Da denkt man auch nur: Dann halt doch die Klappe und hau ab!

In diesem Format gehen die Texte des Liedes auch weiter - so enthält die letzte Strophe die glorreichen Zeilen:

In meinem Blut werfen die Endorphine Blasen
hinter deinem Stillen Rasen
[ein Wort, dass man nicht versteht] wie Gedanken rasen

Öhm ja, das gibt auch so viel Sinn (ich erinnere an die oben angesprochene Werbung, zu der ich am Ende noch etwas sagen werde)

Entfernen wir uns mal von den dichterischen Ergüssen des Texters und befassen uns weiter mit der gesangstechnischen Leistung der Sängerin. Ich denke, sie hatte bei der Aufnahme einen schlechten Tag - nein, eher hoffe ich das für den Rest der Welt...

Wie oben schon angesprochen versucht die Sängerin durch ihre alkoholische Aussprache ein erotisches Bild von sich zu kreieren. Das haben andere vor ihr mit - meiner Meinung nach - viel besserem Erfolg versucht. (Man denke an das dahingestöhnte Lied "Jetaime")

In der oben stehenden Textzeile mit den Endorphinen, die ich jetzt nicht wiederholen will, spricht sie das Wort "Blasen" so aus, wie es Boris tut, wenn er einen spastisch gelähmten nachahmen will.

Entweder hat sie keine Gesangsausbildung gehabt, oder der Gesangsausbilder muss ihr aus irgendeinem Grund nur das halbe Paket aufgeschwatzt haben.

Zumindest hat die Sängerin scheinbar noch nie etwas von deutlicher Aussprache gehört, denn wenn man das Lied und den Titel nicht kennt und es zum ersten Mal hört, hört sich der Refrain ungefähr so an:

Bitte geb mir nur ein Ohr!
Bitte geb mir nur ein Ohr!
Bitte geb mir nur ein
Bitte, bitte, geb mir nur ein Ohr!

DAS macht auch noch Sinn: Sie will, das er ihr endlich zuhört (was auch mit der ersten Strophe zusammenpassen würde - ich sag nur "Wörterbuch").

Leider ist das nicht der richtige Text. Sie möchte von ihm ja nicht ein Ohr sondern ein Wort. Warum man aber Ohr versteht liegt daran, dass sie "Oh" singt. Der eigentliche Titel kommt nur ganz am Ende des Refrains im Lied vor und so lautet der eigentliche Text des Refrains:

Bitte geb mir nur ein Oh!
Bitte geb mir nur ein Oh!
Bitte geb mir nur ein
Bitte, bitte, geb mir nur ein Wort!

Das hört sich ungefähr so an, wie Zoidberg, der am Ende der Futurama-Folge mit der Bürokratiezentrale sein Lied singen will und vom Abspann unterbrochen wird:

Als ich klein war kam 'ne große Welle, die mich - aww!

Wenn man sich mal den ganzen Text anhört stellt sich natürlich heraus, dass das "Oh", was am Ende einer jeden Zeile steht, eigentlich der Anfang der nächsten sein soll, wodurch sich der Text "Oh, bitte gib mir nur ein Wort" ergeben würde. Tut es aber nicht.

Wenn das der normale Stil von "Wir sind Helden" ist, dann ist es wohl eindeutig dass der Begriff "Helden" ironisch gemeint war - wenn sie sich selbst ernst nähmen würden sie nicht solche Musik machen.

Wenn das nicht der normale Stil ist, dann hatten sie wohl einen Ausrutscher - passiert jedem mal und kann man auch verzeihen.

Nicht verstehen kann ich allerdings, wie die Deutschen (oder eher gesagt, die FFH-Hörer) dieses Lied auf Platz 1 wählen konnten. (In Nordfriesland war es auf Delta Radio nur Platz 3)
Zumindest bin ich froh, endlich wieder zuhause zu sein und nicht mehr Radio hören zu müssen.

Achja, um nochmal auf die Müsliriegelwerbung zurückzukommen:

Es handelt sich hierbei um folgenden glorreichen Text:

Seitenbacher!
Müsliriegel!
Gut!
Lecker!
Seitenbacher!
Müsliriegel!

Der Text kommt ungefähr so rüber, als hätte der Sprecher in einem Wörterbuch ein paar Wörter zufällig herausgepickt:

Seitenbacher!
Müsliriegel!
Baum!
Kuh!
Telefonzelle!

Okay, das führt jetzt schon wieder wohin - Insider erwarten jetzt noch das Wort "Sektoid", aber über die Architektur und die sexuellen Vorlieben der Sektoiden möchte ich wirklich nicht berichten.

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